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FamilienLeben | Generationen – gemeinsam

Allgemeines und Biblisch-Theologische Impulse

INHALTSÜBERSICHT
1. Das Projekt FamilienLeben – Generationen gemeinsam

2. Biblisch-theologische Impulse
2.1. Altes Testament
2.2. Neues Testament
2.3. Leitbild Familie

3. Synoden-Vorlage zum Projekt

4. Zusätzliche Informationen zur gegenwärtigen Diskussion um FamilienLeben
4.1. Geschichtliche Aspekte
4.2. Juristische Aspekte
4.3. Sozialethische Aspekte
4.4. Pädagogische Aspekte


1. DAS PROJEKT FamilienLeben – Generationen gemeinsam
Die vier Dekanate der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) Biedenkopf, Dillenburg, Gladenbach und Herborn haben sich für das Jahr 2007 den Themenschwerpunkt „FamilienLeben – Generationen gemeinsam“ gesetzt. Sie beweisen damit Mut und mischen sich in eine gesellschaftliche Debatte ein, zu der die Evangelische Kirche bisher eher wenig zu sagen hatte.

Die Kirche hat aber ein eminentes Interesse an der Lebensfähigkeit von Familien, denn „ohne Familie verlernt eine Gesellschaft schlichtweg die Liebe.“ So hat es der SPIEGEL im April diesen Jahres formuliert. In der Familie werden Solidarität und Empathie erlernt. Sie ist eine „Schule der Mitmenschlichkeit“ (Rat der EKD, 1994). In der Familie prägen sich Glaubensvorstellungen, werden Strukturen und Muster der Lebensbewältigung erlernt. Sie ist die Urzelle menschlicher Gemeinschaft.

„Eine Gesellschaft braucht auch ein Minimum an wachsenden Familien, damit die Selbstlosigkeit, die in Familien produziert wird, in der Gesellschaft spürbar wird. … Vielleicht sind wir im Begriff, eine Gesellschaft zu schaffen, in der immer mehr Menschen unfähig sind, Liebe und Fürsorge für Kinder und Verwandte aufzubringen.“ (Frank Schirrmacher, Minimum). Wenn die Familie in die Krise gerät, gerät eine ganze Gesellschaft in die Krise. Diese Sorge ist nicht neu. Schon im 19. Jahrhundert formulierte der evangelische Pfarrer und Gründer der inneren Mission J.H. Wichern: „Die christliche Wiederherstellung der Familien und Hausstände in jeder Beziehung… wird eine Hauptaufgaben der inneren Mission sein.“

Woran aber denken wir, wenn wir von Familie reden?
 An die allein erziehende Mutter mit ihrer Tochter?
 An die 50jährige, die zu Hause ihre Mutter pflegt?
 An den Zehnjährigen, der zum Lebenspartner seiner Mutter „Papa“ sagt, während er seinen leiblichen Vater, der sonst wo lebt, mit Vornamen anspricht. Seine Geschwister sind eigentlich die Kinder des Freundes seiner Mutter sind, deren Vater er nicht kennt?
 An das verheiratete junge Paar mit zwei Kindern, über das man im Dorf den Kopf schüttelt, weil beide noch keinen festes Einkommen haben?
 An den türkischen „Familienclan“, der um das Krankenbett eines Familienmitgliedes steht, während die anderen drei Deutschen im Krankenzimmer keinen Besuch bekommen, weil sich ihre familiären Bindungen schon vor Jahren gelöst haben oder weil es schlicht keine Familienmitglieder gibt?
 An das lesbische oder schwule Paar mit einem Kind aus einer vorherigen Ehe?
 An das „traute Heim“ mit Tannenbaum und Oma und Opa im Sessel, Mama beim Vorbereiten des Weihnachtsessens und Papa an der Märklineisenbahn des Sohnes?
 An von engem Mief geprägte Vorgesternheit, aus der Frauen und Kinder vor autoritären oder gewaltsamen Männern flüchten?
 An das unbeschwerte Kind, das lachend von der Mauer in die Arme seines Vaters springt?
 Oder schlicht an den Ort, „wo man nicht rausgeschmissen wird“?

Wenn wir von Familie reden, haben wir klischeehafte Bilder aus unserer Erfahrung, unserer Phantasie oder Sehnsucht im Kopf. Darum sind unsere Familienbilder so verschieden und fällt es so schwer, nüchtern über sie zu sprechen. Familienerfahrung haben alle, so oder so.
Nicht selten verbindet sich mit unseren Familienbildern auch die Sehnsucht nach einer heilen Welt, in der die Kälte und Härte der Schul- und Arbeitswelt ausgeglichen werden soll. Natürlich scheitern solche romantischen Idealisierungen und erzeugen umso mehr Enttäuschung.

Dabei hat sich die Realität von Familien in unserer Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten stark verändert und ist inzwischen so vielfältig, dass man von einer „Pluralisierung der Familienformen“ und von „Patch-Work-Familien“ (bunt zusammen gewürfelte eheliche oder nicht eheliche Generationengemeinschaften) spricht.

Die von der Wirtschaft verlangte Flexibilität verbunden mit einer weiter zunehmenden Individualisierung erzeugen Patch-Work-Biographien mit häufigen Arbeitsplatz- und Wohnsitzwechsel und diese wiederum erzeugen Patch-Work-Familien. Oder sie verhindern ganz und gar die Gründung von Familien. Denn Kinder brauchen Beständigkeit und Verlässlichkeit und passen nicht in diese flexible Arbeits- und Lebenswelt.

Während die Scheidungsrate weiter steigt und die Familienstrukturen immer unübersichtlicher werden, wächst zugleich die Sehnsucht nach solchen verlässlichen Strukturen, nach Familie. Die letzten Shell-Jugendstudien zeigen durchgehend den hohen Stellenwert von Familie in der jüngeren Generation, verbunden auch mit dem Wunsch nach eigenen Kindern. Doch wer nur befristete Arbeitsverträge angeboten bekommt, wer sich darauf einstellen muss, im kommenden Jahr in Tschechien oder China oder gar nicht mehr zu arbeiten (Generation Praktikum), wer seinen Lebenspartner nur einmal in der Woche oder im Monat nach fünfstündiger Autobahnfahrt sieht, für den ist eine Familiengründung kaum möglich, wie sehr er oder sie dies auch wünschen.

Familienpolitik, früher noch als „Gedöns“ verachtet, rückt plötzlich auch bei den Parteien in den Mittelpunkt. Es ist aber durchaus bedenklich, dass die Familie nun erst wieder unter dem Eindruck des drohenden Kollapses unseres Rentensystems in den Blick der Politik gerät. Wiederum bestimmt die Perspektive der Alten, die sich um ihre Rente sorgen, die Debatte.

Familie ist dort, wo Kinder sind. Und darum ist es notwendig, deren Bedürfnisse in den Blick zu nehmen. Kinder sind die Zukunft einer Gesellschaft. Eigene Kinder sind aber inzwischen zum größten Armutsrisiko geworden und kollidieren mit Karriereinteressen der Eltern und den Mobilitätsinteressen der Wirtschaft. Sie gefährden privaten Wohlstand und Freiheit und werden zum persönlichen Luxus, der auch privat zu finanzieren ist. Garantierten leibliche Kinder in vergangenen Gesellschaften noch die eigene Altersversorgung, so schmälern sie diese heute, etwa, wenn ein Elternteil für die Kindererziehung seine Arbeit aufgegeben hat. Wie ist es zu beurteilen, dass ein FamilienLeben mit eigenen Kindern heute ein höheres Armutsrisiko und eine Versorgungsunsicherheit im Alter darstellt, während Kinderlosigkeit in der Regel zu einer höheren ökonomischen Prosperität und einer besseren sozialen Absicherung im Alter führt?

Die Synode der EKHN hat sich in 2002 mit dem Thema „Familie“ beschäftigt und wichtige Impulse gegeben mit bisher aber wenig sichtbaren Konsequenzen. Im Gegenteil, mit der gerade neu eingeführten Kirchlich-Diakonischen Arbeitsvertragsordnung (KDAVO) wurden die Familienfaktoren des bisherigen BAT entfernt, eine deutliche Verschlechterung für Familien. Ebenso ist die Reduzierung der finanziellen Beteiligung der Kirche an den in ihrer Trägerschaft befindlichen Kindertagesstätten kein familienfreundliches Signal.

Mit dem Themenschwerpunkt „FamilienLeben – Generationen gemeinsam“ wollen die Dekanate auf die Gefährdung von Familie und dem Zusammenleben der Generationen in unserer Gesellschaft aufmerksam machen und Gemeinden ermuntern, sich diesem Thema zu stellen. Wie kommt Familie in unserer Gemeinde vor? Wo unterstützen wir sie? Was können wir tun, um die Lebensfähigkeit von Familien und das Zusammenleben der Generationen in unserer Region zu fördern? Wo kann Gemeinde und Diakonie sich für Familie einsetzen?
Wir hoffen, mit diesem Themenschwerpunkt zu einem Familien freundlicheren Klima in unserer Region beizutragen.

Dekan Matthias Ullrich


2. BIBLISCH-THEOLOGISCHE IMPULSE
2.1. Altes Testament
Wenn die Bibel vom Zusammenleben der Generationen spricht, erzählt sie zumeist Geschichten. Innerhalb der Struktur des in der Antike vorherrschenden patriarchalen Gesellschaftssystems berichtet sie von den vielfältigen Verwicklungen der Menschen in ihren Generationenbeziehungen. Sie erzählt von ihren Sehnsüchten, Verletzungen, Versöhnungen, ihrem Scheitern und Neubeginnen (Adam, Eva, Kain und Abel, 1. Mose 2f. | Abraham, Sarah, Hagar, Isamael und Isaak, 1. Mose 12ff. | Isaak, Rebekka, Esau und Jakob 1. Mose 24ff. | Jakob, Lea, Rahel und ihre Kinder 1. Mose 28ff. | Juda und Tamar 1. Mose 38 | Joseph und seine Brüder 1. Mose 37ff. | Ruth, Naomi und Boas, Ruth 1ff. | Hanna, Elkana und Peninna, 1. Samuel 1 | Saul und David und ihre jeweiligen familiären Verwicklungen, 1. und 2. Samuel). Die Geschichten erzählen vom Scheitern der Erziehung (1. Samuel 2, 12ff.) von der Not, wenn keine Kinder geboren wurden (1. Mose 29, 31ff; 1. Samuel 1) oder vom Zerbrechen von Familien (1. Mose 4; 1. Mose 27ff.), aber auch vom Glück, wenn eine Familie nach dem Zerbrechen der alten neu gewagt wurde (Ruth).

Die halbnomadische Lebensweise in der Zeit der Erzväter tendiert zur wehrhaften Großfamilie, zu der auch Bedienstete und Freunde gehören und Polygamie nicht unüblich ist (1. Mose 29f.). Die spätere bäuerliche Kultur organisiert die Familie als autarke Arbeitseinheit. In den Städten dagegen gehört zum Wohnverband oft nur die Kernfamilie (Lots Familie, 1. Mose 19).

Die verschiedenen Familienformen selbst werden in der Bibel nicht bewertet. Dies ist erstaunlich und kann als Hinweis darauf gelten, dass der biblische Akzent nicht auf der (idealen) Familienform sondern auf deren Gestaltung liegt. So lehrt das Alte Testament kein bestimmtes Familienmodell, geht aber von der natürlichen Generationenfolge durch die aus der ehelichen Gemeinschaft von Mann und Frau hervor gehenden Familie aus. Die Paradiesesgeschichte (1. Mose 2ff.) zielt deutlich auf die monogame Ehe. Ebenso die Propheten, wenn sie Israel als alleinige Braut Gottes bezeichnen (Jes 50,1; 54,6f.; Jer 2,2).

Für unser modernes Verständnis der „Familie“ als Kleinfamilie gibt es im Alten Testament keine genaue Entsprechung. Die Menschen leben in der „Sippe“ (mischpacha) als der größeren und im nach dem Hausvater benannten „Haus“ (Bajit, Bet) als der kleineren Wirtschafts- und Lebenseinheit zusammen. So unterschiedlich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sein mögen, die darin erscheinenden Fragen der Beziehungsgestaltung zwischen den Generationen sind unseren durchaus ähnlich.

Die Analogie zwischen der uns fremden Welt der Sippenfamilie im alten Israel und unseren heutigen Erfahrungen mit Familientraditionen, Familienstrukturen und Familienzerfall liegen in der Verantwortung der Generationen füreinander, in ihrer gegenseitigen Achtung sowie der Balance des Rechts und der Güterverteilung.

Schon die Schöpfungsgeschichte setzt voraus, dass mit jeder neuen Familiengründung eine Loslösung von der vorhergehenden Generation einhergeht („Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seinem Weibe anhangen, und sie werden ein Fleisch sein“1. Mose 2, 24).
Aus der (ehelichen) Urgemeinschaft zwischen Mann und Frau erwächst die neue Generation („ein Fleisch werden“). Und damit endet das bisherige Kindschaftsverhältnis. Die ältere Generation hat nun nicht mehr das Recht die Lebensgestaltung der jüngeren zu bestimmen. Die Freiheit der jüngern Generation entbindet diese aber nicht von seiner Verantwortung für die ältere. Diese Verantwortung formuliert das 4. Gebot und bildet damit das Scharnier zwischen den Generationen („Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass du lange lebest in dem Lande, das dir der HERR, dein Gott, geben wird“ 2. Mose 20, 12).

Die Bedeutung des 4. Gebots lässt sich daran erkennen, dass es als das erste Sozialgebot noch vor dem Tötungsverbot steht. Zudem ist es das einzige Gebot, das die positiven Folgen seiner Einhaltung beschreibt („…auf dass du lange lebest und dir’s wohl gehe in dem Lande, das dir der HERR, dein Gott, geben wird“). Immer wieder wurde es als Erziehungshilfe zur Gehorsamszucht (schwarze Pädagogik) und als Herrschaftsinstrument der Elterngeneration gegen ihre Kinder missbraucht.
Das 4. Gebot formuliert aber gerade keine Herrschaft der einen über die anderen, sondern die Achtung und Verantwortung der jeweils stärkeren für die schwächere (abhängige) Generation. Da die antike Wirtschaft des Alten wie des Neuen Testaments keine außerhäusliche Altersversorgung kennt, sind die Alten, die Kranken und die sozial Schwachen darauf angewiesen, dass sich der familiäre Sozialverband um sie kümmert. Kinder zu haben und zu erziehen, ist in der Antike die einzige mögliche Lebensversicherung. Sie sind ein Geschenk Gottes („Siehe, Kinder sind eine Gabe des HERRN, und Leibesfrucht ist ein Geschenk. Psalm 127, 3. Die Bedeutung von eigenen Kindern zeigt sich auch in der „Leviratsehe“, nach der der Bruder eines kinderlos Verstorbenen dessen Witwe heiraten und Kinder mit ihr großziehen musste, um den Namen des Toten zu erhalten und die Altersversorgung der Witwe zu gewährleisten, 5. Mose 25,5.10).

Das Ehrungsgebot lässt sich von der einzulösenden materiellen Verpflichtung also nicht lösen. Die Alten, die einst das Familieneinkommen sicherten und die Lebensgestaltung der Familie bestimmten, werden nun in ihren alten Tagen zu Abhängigen, weil sie sich nicht mehr selbst versorgen können. Darum sollen sie geehrt werden. Dies gilt sowohl materiell im Sinne der Versorgung der nun Besitzenden und Starken für die jetzt Mittellosen und Schwachen als auch immateriell in der Gestaltung der Beziehung selbst.

So zielt das 4. Gebot auf die Verantwortung der Generationen füreinander und auf die Herstellung von Generationengerechtigkeit. Im Umkehrschluss darf es darum auch auf die Achtung und Ehre der Älteren gegenüber den Jüngeren bezogen werden, solange die Jüngeren von ihnen abhängig sind. Keine Generation hat das Recht, der anderen die Ressourcen und Grundlagen für deren Lebensgestaltung zu entziehen. Zwar ist jede Generation frei, sie hat aber die Aufgabe, die Beziehung zur anderen in Achtung und Verantwortung zu gestalten.

So vermittelt das Alte Testament zwar keine einheitliche Lehre von der Familie, beschreibt aber klar die Voraussetzungen für ein gelingendes Zusammenleben der Generationen. Und am Ende bleibt die Zusage, dass einst das Herz der Eltern zu ihren Kindern und das der Kinder zu ihren Eltern gekehrt werde (Maleachi 3, 24).

Matthias Ullrich


2.2. Neues Testament
Das Neue Testament knüpft einerseits an die Hebräische Bibel und ihre Aussagen an. Jesus bestätigt die grundlegenden Aussagen zur Ehe (Mt 19,5 vgl. Gen 2,24) sowie das 4. Gebot (Mk 10,19). Ehebruch wird hier wie dort geächtet (Mt 5,27-32; Apg 15,20+29). So stellt auch das Neue Testament die Ehe mit der genitalen Sexualität und allen daraus erwachsenden Konsequenzen in einen geschützten Raum und unter eine besondere Verheißung (Mk 10,9: „Was Gott zusammengefügt hat…“; Hebr 13,4: „Die Ehe soll in Ehren gehalten werden…“).

Das Wort „oikia“ entspricht dem, was wir unter „Familie“ verstehen; es kommt von „oikos“ – „Haus“. Eine „Hausgemeinschaft“ bestand in der römisch-hellenistischen wie in der jüdischen Gesellschaft nicht nur aus dem Hausherrn und Familienvater sowie seiner Frau und seinen Kindern. Auch seine Sklaven, Angestellten, ja, mitunter selbst Freunde zählten dazu. Jesus erklärt, nicht nur dem Zachäus als Einzelperson begegnen zu wollen, sondern seinem ganzen Haus (Lk 19,5), dem dann auch durch die Lebenswende des Hausvaters Heil widerfährt (Lk 19,9). Dass der Sohn des königlichen Beamten auf Jesu Wort hin geheilt wird, hat Auswirkungen auf den Glauben des Vaters und seines ganzen Hauses, zu dem wohl auch die genannten Knechte gehörten (Joh 4,53).

Die Urchristenheit knüpfte an diese Gegebenheiten wie am korporativen Denken des Alten Testaments und Judentums an, wo in der Familie die religiösen Feste gefeiert und die Lehre weitergegeben wurde. Ihre Abendmahlsfeiern fanden in den Häusern statt, also in den – weit gedachten – Familien. Wo das Christentum außerhalb des Judentums Fuß fasste, war es nicht anders: Der Hauptmann Kornelius ließ sich taufen mit seinem ganzen Hause, zu dem auch zwei Knechte und ein „frommer Soldat“ gehörten und in das er Verwandte und Freunde eingeladen hatte. In Europa geschah dies mit den Häusern der Lydia, eines Gefängniswärters, des Stephanas und des Krispus.

Die Häuser waren – neben dem Tempel – Orte der Lehre und der Evangelisation (Apg 5,42; 20,20). Die sogenannten „Haustafeln“, die das familiäre Zusammenleben fokussieren, zeugen davon (Kol 3, Eph 5f, 1Petr 2f). Dabei korrespondiert dem vierten Gebot (Eph 6,2f) die neutestamtentliche Weisung „Reizt Eure Kinder nicht zum Zorn!“ (Eph 6,4).

Ist es angesichts der Naherwartung durchaus wahrscheinlich, dass zu den Taufen ganzer Häuser auch unmündige Säuglinge und Kleinkinder gehörten (vgl. auch die Kindersegnung Mk 10,14), war es zunächst einmal undenkbar, dass innerhalb der Hausgemeinschaften unterschiedliche Glaubensrichtungen herrschten. Wie eng Paulus die Familienbande sah (korporatives Denken), macht vor allem seine Auffassung deutlich, dass der ungläubige Ehepartner durch den gläubigen geheiligt ist wie auch die Kinder (1. Kor 7,14).

Andererseits bringt das Neue Testament auch etwas Neues. Zuerst einmal fällt auf, dass nur noch sehr wenige Familiengeschichten erzählt werden, in größerer Ausführlichkeit nur die von Jesus selbst: Josef wollte die unehelich schwanger gewordene Maria zuerst verlassen, fand dann aber ein Ja zu ihr und dem Kind. Die Geburt, Beschneidung und Darbringung im Tempel stand unter dem Vorzeichen des Fremdseins und dann der Emigration. Aus seiner Kindheit erzählen die kanonischen Evangelien nur die Geschichte, wie Jesus sich zwischen dem Gehorsam gegenüber seinem himmlischen Vater und seiner irdischen Eltern bewegte und geradezu pubertär seinen Platz zu finden suchte.

Mit dreißig ließ der Zimmermann, der bis dahin für den Lebensunterhalt der Familie gesorgt hatte, diese hinter sich und wählte eine kommunitäre Lebensform, deren Mittelpunkt er bildete – freilich unter dem himmlischen Vater als Oberhaupt – und die er als „seine Familie“ bezeichnete. Seine Mutter wies er in unterschiedlichen Zusammenhängen brüsk ab bzw. in ihre Schranken. In der Todesstunde hingegen stellte er ihr einen seiner Jünger zur Seite, der sie an Sohnes statt versorgen sollte. Als Auferstandener unterhielt er, soweit wir durch die Quellen unterrichtet sind, zu seiner leiblichen Familie keinen Kontakt.

Die Jünger Jesu verließen ihre Familien, um an dieser kommunitären Lebensform Anteil zu haben. Jesus konnte geradezu den Hass gegenüber der Familie als Ausgangspunkt für konsequente Nachfolge fordern (Lk 14,26; Mt 8,21). Umgekehrt kündigte er an, dass die apokalyptischen Ereignisse dazu führen werden, dass Eltern und Kinder gegen einander handeln würden (Mt 10,21).

Spätere Nachfolger, am exponiertesten Paulus, verzichteten auf die Ehe und die Gründung einer eigenen Familie und rieten zur Ehelosigkeit (1Kor 7,1; vgl. aber 1Kor 9,5). Dabei spielte vor allem die Erwartung der unmittelbar bevorstehenden Wiederkunft Jesu eine zentrale Rolle. Hier ist eine Nähe zu – möglicherweise Abhängigkeit – von der Gemeinschaft in Qumran zu erkennen; Vorbilder in der Hebräischen Bibel findet man in der Lebensgemeinschaft eines Propheten mit seinen Jüngern (Elisa, Jeremia). Gleichzeitig ist zu beobachten, wie in den paulinischen Gemeinden die Leitungsfunktionen durchaus von Familienvätern wahrgenommen werden sollten, die sich gerade in ihrer Familie bewährt hatten (1Tim 3,4+12).

Insgesamt ergibt sich das Bild eines gleichberechtigten Nebeneinanders von Ehelosigkeit und Leben in Ehe und Familie. Darüber hinaus ist zu erkennen: Nach dem Neuen Testament wird, wer zum Glauben an Jesus Christus kommt, in eine neue Familie aufgenommen, deren Vater Gott selbst ist. Nicht nur vergleicht er Gott immer wieder mit einem gewöhnlichen (Mt 7,9-11) wie außergewöhnlichen Vater (am exponiertesten der Vater, der von seinem Sohn behandelt wird, als wäre er tot, der aber auf ihn wartet, ihm – entgegen orientalischer Sitte – entgegenläuft und ihn an Sohnes statt annimmt; Lk 15,11-24).

Er lehrt seine Jüngerinnen und Jünger aller Zeiten Gott „Vater“ zu nennen. Ja, er bestimmt sein Verhältnis immer wieder zu Gott als das eines Sohnes zum Vater; dies hat die christliche Theologie – mit zaghaften Anfängen in der Bibel und immer größeren Auswirkungen in der Dogmen- und Theologiegeschichte – zum Ausgangspunkt der Lehre von der Dreieinigkeit Gottes gemacht. Entscheidend dafür ist, dass Gott sich selbst zu Jesus als seinem „geliebten Sohn“ bekennt (Mt 3,17; 17,5).

Die Zugehörigkeit zur Familie Gottes bestimmt sich nicht genetisch, sondern praktisch: „Wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.“ (Mk 3,35).
Auch der Apostel Paulus greift auf dieses Bild zurück, wenn er die Christenmenschen in Korinth als „meine lieben Kinder“ bezeichnet, die er gezeugt habe (1Kor 4,14f); Timotheus nennt er denn auch seinen Sohn (1Kor 4,17); und wie es für einen Vater der damaligen Zeit selbstverständlich war, droht er ihnen die Rute an (1Kor 4,21). Umgekehrt hatte er in der Mutter des Rufus eine Mutter gefunden (Röm 16,13).

Dr. Reiner Braun


2.3. Leitbild Familie
Eine unmittelbare Übertragung alt- und neutestamentlicher Weisungen auf unsere heutige Zeit und Gesellschaft ist nicht möglich. Die weit reichenden familienstrukturellen Veränderungen seit der Industrialisierung haben zu einer Entkoppelung von Familienleben und Arbeit geführt. War das alt- und neutestamentliche „Haus“ Lebensraum und Produktionsstätte für Familieneinkommen in einem, so beschränkt sich die Familienzeit heute auf die von Schule und Arbeit freie Zeit, auf die Freizeit.

Die Funktion der Familie in der Gesellschaft hat sich grundlegend verändert. Schule und Kindergärten haben einen wichtigen Teil der Bildung und Erziehung übernommen. Die Vorsorge für Krankheit und Alter obliegt ebenfalls nicht mehr der Familie sondern dem Staat durch seine Sozialversicherungen. Die Pflege alter Menschen ist teilweise aus den Familien in Heime verlagert.

Hinzu kommt ein grundlegend verändertes Rollenverständnis von Frauen, mit der selbstbewussten Teilnahme an gesellschaftlichen Prozessen und der Entfaltung persönlicher Freiheit. Die Erwerbstätigkeit beider Elternteile geschieht allerdings viel häufiger als angenommen aus wirtschaftlichem Zwang denn aus emanzipatorischen Gründen.

Angesichts des Wandels der Familienbilder seit biblischer Zeit tendierten die liberalen Teile der evangelischen Kirche und Theologie lange zur völligen Aufgabe eines Leitbildes Familie. Man hatte die Sorge, ein solches Leitbild verwische sich zu sehr mit bürgerlichen Idealen des 19. Jahrhunderts, die der Bibel nicht gerecht würden. Andererseits glaubte man den gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklungen mit dem „Auslaufmodell Familie“ dann nicht mehr gerecht zu werden. Der Verzicht auf ein Leitbild verkennt allerdings, dass es in der Bibel sehr wohl eine Grundlinie partnerschaftlicher Generationengemeinschaft gibt, die eng an die (eheliche) Gemeinschaft zwischen Mann und Frau und der sich daraus sich gründenden Familie gebunden ist.

In evangelikalen Gruppen wird dagegen – häufig unreflektiert – ein romantisches Vater-Mutter-Kind-Ideal als biblische Lehre vorgetragen. Die Brechungen und die Offenheit des biblischen Redens von der Familie werden ignoriert. Die Komplexität familiärer Beziehungen, wie sie die Bibel darstellt, werden verflacht, die negativen psychischen Folgen eines zu engen Familienbildes werden übergangen. Diese Sicht ist ebenso ideologisch geleitet wie der Verzicht auf ein Leitbild.
Bei der Entwicklung eines evangelischen Leitbildes sollten restaurative Idealisierungen eines patriarchalisch geprägten bürgerlichen Familienbildes deshalb ebenso vermieden werden wie
die abstrakte Leitideen einer nur noch qualitativen Beschreibung von Familie („Wo Menschen sich umeinander kümmern ist Familie“).

Der Ratsvorsitzende der EKD, Bischof Wolfgang Huber, hat kürzlich in seiner Rede „Familie haben alle“ einen Ansatz für ein evangelisches Leitbild Familie jenseits ideologischer Verengungen vorgetragen. „Die Familie gibt es nicht. Familie ist ein biologisches Phänomen, mit dem jede Person gesegnet ist und dem niemand entrinnt. Familie ist eine durch Beziehungen gekennzeichnete Institution. Familie ist immer dort, aber keineswegs nur dort, wo minderjährige Kinder sind. Familie ist immer dort, aber keineswegs nur dort, wo Menschen verschiedener Generationen Verantwortung füreinander wahrnehmen. Familie ist immer dort, aber keineswegs nur dort, wo Menschen verwandtschaftlich füreinander eintreten.“

Bischof Huber fordert einen Neuansatz, der damit beginnt, „dass das Familienethos in unserer Gesellschaft einen neuen Rang erhält.“ In diesem Sinne definieren wir für unser Projekt Familie als „sinnstiftende Generationengemeinschaft“.

Der Rat der EKD hat in der Schrift „Was Familien brauchen“ (2002) die Pluralität der familiären Lebensformen anerkannt und zugleich die Entwicklung eines Leitbildes gefordert.
Ein solches Leitbild soll „nicht im Sinne normativer Vorgaben verstanden werden, sondern mehr in deren orientierender Funktion. Es gibt keine Norm im Sinne einer Pflicht zum Heiraten oder zum Familiegründen. In Achtung persönlicher Freiheit und Verantwortung kann sich evangelisches Familienverständnis nur auf ein anbietendes, anregendes und Lebens- und Verhaltenseinstellungen bildendes Leitbild einlassen im Sinne ethischer Sollensforderungen aus dem Verständnis christlichen Glaubens.“ (EKD-Denkschrift „Gottes Gabe und persönliche Verantwortung“, 1997).

Die oben ausgeführten biblisch-theologischen Impulse wollen Anregungen für die Entwicklung eines solchen evangelischen Leitbildes Familie sein.

Wichtige Ansätze hierfür liefert des Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Wolfgang Huber, in seinem Beitrag „Familie haben alle“, der in dieser Projektmappe abgedruckt ist.

Familien leben!
Familien sollen leben!
Familien sollen miteinander leben!
Familien sollen miteinander leben können!
Denn Familie haben alle in allen Generationen.
Es ist gut, wenn sie sich begegnen und miteinander leben lernen.

Matthias Ullrich


3. SYNODEN-VORLAGE ZUM PROJEKT
„FamilienLeben – Generationen gemeinsam“

Die Dekanate Biedenkopf, Dillenburg, Herborn und Gladenbach setzen sich in 2007 den Themenschwerpunkt „Familie“.
• Das Projekt trägt den Titel „FamilienLeben – für ein Miteinander der Generationen“
• Familie wird im weitesten Sinne als sinnstiftende Generationengemeinschaft verstanden.
• Das Projekt soll auf veränderte, erschwerte Lebensbedingungen von Familien aufmerksam machen.
• Das Projekt soll Familien stärken.
• Das Projekt soll Mut zu Familie machen.
• Das Projekt wird auf allen Ebenen der Dekanate mit den Gemeinden umgesetzt. Es wirkt nach innen und nach außen.

Als evangelische Kirche in der Region haben wir angesichts der demografischen und gesellschaftlichen Entwicklung ein ureigenes Interesse an einer funktionierenden Generationengemeinschaft. Wir möchten als Kirche den christlichen Wert positiv besetzen.
• Menschen brauchen eine privat organisierte Gemeinschaft. Hierfür ist die Familie in ihren unterschiedlichen Formen das primäre Modell. Familien bieten Erfahrungsraum für Vertrauen, Geborgenheit, Zuneigung, Verständnis, Fürsorge, Wertevermittlung, „Beheimatung“, Persönlichkeitsbildung, Entfaltung etc. In diesem Sinn übernehmen Familien eine Reihe von „Funktionen“, ohne die eine Gesellschaft nicht bestehen kann. Je weniger Familien es gibt, umso offenkundiger sind die Probleme, die aus dem Fehlen dieser Funktionen entstehen.
• Familien sind, so formuliert es der Rat der EKD 1994 in einem Wort aus Anlass des Internationalen Jahres der Familie, "eine Schule der Mitmenschlichkeit".
• Das vierte Gebot ist ein „Gebot zur Generationengemeinschaft“. Es impliziert die Verantwortung für die Vorgänger- und Nachfolge-Generation und kann damit als Schutzgebot für Familien mit dem Ziel des Schutzes und der Versorgung der jeweils Schwachen und Bedürftigen durch die Starken und Vermögenden verstanden werden.
• Die Familie ist, besonders in evangelischer Tradition, der prägender Ort für das Erlernen und Erfahren von Glauben.

Die Kosten für die gemeinsame Öffentlichkeitsarbeit (Plakate, Flyer, Projektmappen etc.) sowie gemeinsame Veranstaltungen werden auf 10.000 Euro veranschlagt. Der Anteil der vier Dekanate wird auf jeweils 1.500 Euro festgelegt. Weitere Gelder sollen durch Sponsoring, freiwillige Kollekten der Gemeinden sowie den Budgets der Öffentlichkeits-Beauftragten eingenommen werden. Die Kirchengemeinden, Institutionen und Werke sind eingeladen, sich an dem Projekt mit eigenen Aktionen und Veranstaltungen zu beteiligen.



4. ZUSÄTZLICHE INFORMATIONEN ZUR GEGENWÄRTIGEN DISKUSSION UM FAMILIENLEBEN
4.1. Geschichtliche Aspekte
Erst im 17. Jahrhundert löst der französische Terminus „Famille“ den in Deutschland bis dahin gebräuchlichen Begriff „Haus“ ab und steht fortan besonders für die uns bekannte kleine Gruppe aus Vater, Mutter, Kind also die Zwei-Generationen-Familie, die später in der Klassik zum Ideal erhoben wurde und erstmals 1794 im Allgemeinen Preußischen Landrecht verankert und für alle verbindlich wurde.

So dichtet Schiller etwa in der „Glocke“ „der Mann muss hinaus ins feindliche Leben… und drinnen waltet die züchtige Hausfrau.“ Gelebt wurde dieses Leitbild allerdings nur bei einer kleinen Gruppe des Bürgertums und der Beamtenschaft, die es sich leisten konnte. Bauern- und Arbeiterfamilien lebten unter gänzlich anderen Bedingungen. Hier war es selbstverständlich, dass auf die Frauen und die Kinder ab etwa dem 10. Lebensjahr an der Produktionsarbeit teilnahmen. 90 Prozent der Kinder von Fabrikarbeiterinnen wurden von Großmüttern oder Nachbarinnen, meist gegen Bezahlung, betreut.

Doch setzte sich mehr und mehr das bürgerliche Ideal des Mannes als Haushaltsvorstand und Alleinverdiener auch in der Arbeiterschaft durch und wurde ab den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts auch wirtschaftlich möglich.
Zur Bevölkerungspolitik des Nationalsozialismus gehörte eine eigene Mutterschaftsideologie (Mutterverdienstkeuz). Er versuchte zunächst zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit die Frauen aus dem Erwerbsleben fernzuhalten, während er sie nach 1939 immer zur Kriegsproduktion als Fabrikarbeiterinnen heranzog.


4.2. Juristische Aspekte
Das Grundgesetz stellt in Artikel 6 Ehe und Familie unter den „besonderen Schutz der staatlichen Ordnung“ (ebenso Artikel 16 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und Artikel 12 der Europäischen Menschenrechtskonvention).
Mit diesem Grundrecht ist eine verbindliche Wertentscheidung für das gesamte Rechtssystem gegeben, die ein Beeinträchtigungsverbot und ein Förderungsgebot umschließt. Wie weit dieses reichen soll ist in der heutigen rechtlichen und politischen Diskussion umstritten.

Es zeigt sich aber immer deutlicher, dass trotz vielfältiger staatlicher Familienförderung (Kindergeld, Erbschaftsrecht, Schutz der familiären Privatsphäre) Familien heute ökonomisch so stark benachteiligt werden, dass sie in ihrer Existenz gefährdet sind. Das Bundesverfassungsgericht hat bereits mehrfach auf die faktische, besonders ökonomische, Benachteiligung von Familien hingewiesen und politische Konsequenzen gefordert, die aber bisher nicht erfolgt sind.

Ebenso ist umstritten, was heute unter den veränderten gesellschaftlichen Gegebenheiten als Familie verstanden werden soll. Verfassungsrechtlich wird Familie definiert als „umfassende Gemeinschaft von Eltern und Kindern, in der den Eltern v. a. Recht und Pflicht zur Pflege und Erziehung der Kinder erwachsen (BVerfGE 10, 59 [66])
Sowohl die Gleichstellung nichtehelicher Kinder also auch eine fortschreitende Auflösung des traditionellen Leitbildes zugunsten nichtehelicher Lebensgemeinschaften mit Kindern haben juristisch zu einer Erweiterung des Begriffs der (Kern-)Familie im Recht geführt.


4.3. Sozialethische Aspekte
Familie ist nach evangelischem Verständnis eine vorstaatliche Institution. „Gott hat diesen Stand obenan gesetzt.“ (Martin Luther, BSLK 592). Die gesellschaftliche Aufgabe zur Förderung der Familie leitet sich aus deren geschöpflichen Gegebenheit ab. Darum ist der Trend zu Familien ersetzenden Funktionen des Staates kritisch zu sehen.

Dass sich die monogame Ehe mit der aus ihr folgenden Familiengründung im frühen Christentum unhinterfragt und ohne nähere theologische Begründung durchgesetzt hat, liegt zum einen an der schlichten Übernahme römischer Traditionen. Dort war aber auch das Konkubinat üblich, das das Christentum ablehnte. Ein Grund liegt möglicherweise auch in der Entsprechung der Einehe zum Gebot der Nächstenliebe, das ja auf die Gleichberechtigung beider Partner zielt, auch wenn sich diese geschichtlich erst spät durchgesetzt hat.

Die gesellschaftliche Entwicklung zur Pluralisierung von Familienformen und deren rechtliche Anerkennung stellt die ursprüngliche Zusammengehörigkeit von Ehe und Familie jedenfalls nicht in Frage.

Familie wird in der evangelischen Tradition als Beruf der Elternschaft verstanden. Diesen Aspekt gilt es neu zu entdecken und gesellschaftliche umzusetzen.


4.4. Pädagogische Aspekte
Familie ist in ihrer unterschiedlichen Ausgestaltung nach wie vor die wichtigste Institution für die Sozialisation und Erziehung von Kindern und wird sie gewiss auch bleiben. Die für notwendig erachtete intensive Zuwendung der Eltern zu den Kindern führt diese nicht selten in das Dilemma zwischen Überbehütung (bei meist nur geringer Kinderzahl) und nicht mehr vorhandener Familienzeit bei (ökonomisch häufig notweniger) doppelter Erwerbstätigkeit.

Die gesellschaftlich geforderte Erziehung zu Selbständigkeit und Entscheidungsfähigkeit der Heranwachsenden kann zur Ablösung traditioneller familiärer Erziehungsziele wie Ehrlichkeit, Sauberkeit und Rücksichtnahme führen. Die notwenige Förderung der Flexibilität, wie sie in Patch-Work-Familien und Scheidungsfamilien auch vorgelebt wird, könnte die Gefahr der Desorientierung von Kindern und Jugendlichen erhöhen.

Einerseits setzt die Schule - besonders im Sozialverhalten - in erheblichem Maße pädagogische Leistungen der Familie voraus und beklagt deren Fehlen, andererseits schränkt die Gesellschaft den Erziehungsfreiraum für Familien immer mehr ein.

Darum bleibt es eine wichtige Forderung an Politik und Gesellschaft, diesen Freiraum zu gewähren bzw. wieder herzustellen. Haben Familien ergänzende und Familien ersetzende Hilfen des Staates möglicherweise auch destruktive Auswirkungen auf das FamilienLeben? Sollten möglicherweise eher Eltern in ihrer Erziehungskompetenz geschult und gefördert werden, statt ihnen die Erziehungsaufgabe abzunehmen?

Darüber hinaus gilt es Familie als Ort religiösen Lebens und Lernens neu zu entdecken. Dies kann in der Anknüpfung an Kasualien in der Familie (Taufe, Taufgespräch) als auch in der Unterstützung religiöser Riten in der Familie (Abend- und Tischgebet, Kinderbibel, gemeinsamer Kirchgang bei besonderen Gelegenheiten) geschehen.

Matthias Ullrich




 
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